Sie war schon in Indien, im Irak und in Mexiko. Daheim ist Doris Kloimstein seit den 1980er Jahren in St. Pölten und Innsbruck. Und ursprünglich kommt sie aus Linz – während sich wiederum ihr Tiroler Vater und ihre oberösterreichische Mutter in den USA kennengelernt haben. Im Blut liegt Doris nicht nur die Welt, sondern auch die Liebe zu Pferden – und der Hang, auszusprechen, was sie denkt sowie dranzubleiben, wenn sie etwas möchte.
Letzteres hat die Netzwerkerin und Initiatorin unzähliger heimischer und internationaler Projekte aus dem Kultur- und Bildungssektor hart lernen dürfen – trotz fördernder Familie, in der schon die Großmutter auf ihre Rechte als Frau gepocht hat und diese stets durchzusetzen wusste, wie sich Doris heute erinnert.
Heute, das ist Anfang November im Cinema Paradiso. Bei einem komplett spontanen Interview, nachdem ich unverhofft beim Kulturcafé im Café Pusch in der St. Pöltner Innenstadt am selben Tisch wie Doris zu sitzen gekommen war, von der ich die letzten Jahre schon viel gehört hatte. Ihre beeindruckend positive Ausstrahlung und mein innerer Ruf der Wölfin inspirieren mich dazu, sie um eine Fortsetzung des noch frühen Abends im Cinema – und um ein Interview – zu bitten. So … here we go.
Aufgewachsen ist Doris Kloimstein mit liebevollen Eltern und einem älteren Bruder, die wertschätzend waren und sie in ihren Wünschen und Talenten immer unterstützt haben. So fördernd das Elternhaus war, wirklich feministisch geprägt wurde sie schließlich von zwei Pädagoginnen – Ordensschwestern der sehr musikalisch fokussierten, damals reinen Mädchenschule, auf die Doris als Kind ging: „Junge, progressive Lehrerinnen, die uns Mädchen auf Schritt und Tritt Mut gemacht und uns in unserem Frausein bestärkt und gefördert haben“, führt sie aus und ergänzt: „Diese beiden Lehrerinnen haben uns zum Beispiel erklärt, dass es sehr wohl auch Komponistinnen gab und gibt. Dass wir uns selbständig dazu informieren sollen, weil all diese komponierenden Frauen im Lehrstoff nicht vorkamen – weil nicht über sie geschrieben worden war! Das war für mich sehr überraschend und hat mich geprägt. Unser Musiklehrer, ein Mann also, war ein sehr guter Lehrer, aber er hat natürlich den vorgegebenen Stoff mit uns durchgemacht, und da kam keine einzige Frau vor.“ Übrigens: Die gute Verbindung zu beiden Pädagoginnen, die später aus dem Orden austraten, sollte auf Lebenszeit bestehen bleiben.
Apropos Musik: Als Kind liebte Doris das Geigespielen. Aber: „Die Geige habe ich relativ bald aufgegeben, weil ich so ein Auftrittsangsthaserl war. Ich habe dann gesagt, das bringt es irgendwie nicht. Und ich habe aber immer schon gewusst, ich kann eigentlich gut schreiben – und ich kann auch gut organisieren. Und wenn ich irgendetwas schreibe oder organisiere oder beides, dann habe ich auch immer viel mehr Power und Kraft.“
„Krieg lehne ich klar ab. Krieg geht nicht. Ich will und ich stehe für Frieden.“
Doris Kloimstein
1984 zieht sie mit Mann und kleinem Kind nach St. Pölten, nachdem ihr Mann eine Stelle als Chefchemiker bei der Glanztoff bekommen hatte. Sie beschreibt den Umzug als Mitziehen – und als Neustart für sich selbst. Zuvor hatte sie in Linz für das ORF-Landesstudio Theaterkritiken zum Landestheater verfasst und Regisseure interviewt.
In St. Pölten suchte sie wieder Anschluss an die Kulturarbeit und macht Erfahrungen, die ihr neu sind. Die ersten zehn Jahre dort beschreibt sie rückblickend als „die Hölle“: Die Kulturverwaltung und die Stadt öffneten ihr in der ersten Zeit kaum Türen. Die zuständigen Männer nahmen sie als Frau nicht für voll. Ihre Referenzen, wie mehrere Publikationen in namhaften Kulturzeitschriften, fanden keine Beachtung. Ihr Studium der Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte, einschließlich Doktoratsstudium, galt als „Orchideenstudium“ – nicht ernst zu nehmen. „Jo glauben Sie, wir hom auf eahna gwort?“, wird ihr dazu einmal mitgeteilt. Ein anderer Mann fragt im Kennenlern-Gespräch nach dem Alter ihres Kindes – „zwei“ – und sagt dann gleich voraus, sie werde dann ja wohl „sowieso bald ein zweites bekommen“.
„Ich habe mich aber nicht entmutigen lassen“, erzählt sie. „Da gibt es diese Geschichte von Michael Ende, von der Tranquilla Trampeltreu, der Schildkröte. Die hat immer gesagt: ‚Ich habe mich entschieden.‘ Und deshalb bleibt sie auch dran. Sie zieht zwar zwischendurch alles ein, wenn es irgendwie doch ein bisschen weh tut, aber sie kommt auch immer wieder raus – und geht weiter.“
Back to the Eighties: Doris schickt trotz der anfänglich harschen und durchaus sehr direkten Abweisungen ihrer ersten Jahre in St. Pölten wiederholt Texte und Projektideen aus, immer und immer wieder. Schließlich kommen erste Aufträge. Nach und nach entstehen Bekanntschaften und Freundschaften – und wachsen zu dem großen und facettenreichen, dynamischen Netzwerk, in dem sich Doris bis heute bewegt.
Mit Renate Gamsjäger etwa konnte sie zwei Theaterstücke im Steingöttersaal aufführen. Weil für Schauspielerinnen teilweise die Mittel fehlten, wirkte Renate deshalb selbst kurzerhand mit, wie sich Doris zurückerinnert. Richtig viel verändert hat sich schließlich, als Martina Eigelsreiter im Magistrat begann – „eine Frau ohne Vorurteile“, wie sie betont, „und mit großer Offenheit für Ideen und Möglichkeiten.“
Auch für Ihre Ehe sind die ersten, eher erfolglosen Jahre mit den Versuchen, in St. Pölten beruflich und kulturell Fuß zu fassen, eine Herausforderung: Ihr Mann habe gewusst, dass der Umzug sie aus ihrem bisherigen Berufsleben herausgerissen hatte, und damit sei auch Schuldgefühl verbunden gewesen. Es habe Auseinandersetzungen und gegenseitige Verletzungen gegeben. „Wo große Liebe ist, wird es ja auch besonders hässlich, wenn sich die dann Münze dreht“, beschreibt sie die Zeit ehrlich.
Auch passten beide nicht immer in die gesellschaftlichen Erwartungen des jeweils anderen Umfelds; gemeinsame Auftritte konnten sich durchaus schwierig gestalten. Das Paar überlegte darum zeitweise ernsthaft, St. Pölten wieder zu verlassen. Einander zu verlassen? Nicht.
„Bei geschäftlichen Veranstaltungen dachten die Leute, da kommt jetzt mit meinem Mann so eine elegante Dame mit“, grinst Doris, „naja, und die kam dann halt nicht. Und das funktionierte auch umgekehrt, bei kulturellen Events aus meinem Bereich, wenn dann wiederum mein Mann mit mir mitkam. Wir waren füreinander tatsächlich öfters peinlich bei solchen gemeinsamen Auftritten.“
Was sie dabei betont: Dass ihre Beziehung zwar von Konflikten – wenngleich immer auf Augenhöhe – aber noch viel mehr auch von ihren gemeinsamen Interessen geprägt war. Gerade ihre gemeinsame Leidenschaft für Pferde wurde wiederholt zu einer Gesprächsbasis – und half ihnen schließlich auch, wirklich wieder aus der langen Streitphase herauszufinden.
Schlussendlich hat nichts anderes als diese fortlaufende Beziehungsarbeit dazu geführt, dass sie beide nach all den vielen Jahren noch „in der Originalbesetzung“ zusammen sind.
Selbst ihre Zeit in Brasilien hat das Paar deshalb nicht entfernt, sondern näher zusammengebracht. Äh, Moment mal, bitte – Brasilien?
„Ja, für zwei Jahre bin ich für ein Projekt nach Brasilien gegangen“, nickt Doris. Ihr Sohn war damals schon erwachsen, ihr Mann blieb zu Hause in Österreich. „Ein Test für unsere Beziehung“, erzählt sie. Das Projekt fand in der Colônia Tirol, einer österreichischen Sprachinsel, statt, und sollte Deutsch-Unterricht in den Regelunterricht integrieren. Ihr Mann besuchte sie dort. „Wir sind gemeinsam durch den Dschungel geritten – das war richtig kitschig“, lacht sie. Was andere Paare vielleicht auseinandergebracht hätte, sorgt rückblickend für eine weitere Vertiefung ihrer Beziehung.
Nach ihrer Rückkehr aus Brasilien arbeitete sie 15 Jahre im Bereich der Erwachsenenbildung – als pädagogische Mitarbeiterin der Diözese St. Pölten. „Ich habe in meiner pädagogischen Arbeit große Freiheit erlebt. Auch, wenn Einschränkungen für Frauen in der Kirche natürlich grundsätzlich existierten. In meinem Fall war das nicht so.“ Unter anderem zeichnete sie für die Initiierung und Durchführung zweier EU-Projekte verantwortlich. Eins davon widmete sich barrierefreier Erwachsenenbildung.
Zwei schwere Unfälle nämlich haben Doris‘ Blick für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen geschärft: Nach dem ersten Unfall war sie auf Krücken unterwegs – und in einer Rehaklinik. Dort fiel ihr auf, wie verzweifelt viele der anderen Rehabilitandinnen waren. Wie es ihrer Natur entspricht, hat sie aus der Erfahrung Projekte entwickelt. Konkret zwei Theaterstücke in Zusammenarbeit mit dem Club 81.
Eine ganz andere Erinnerung aus der Reha übrigens ist eine schmiedeeiserne Erfahrung: Zum Pflichtplan der Rehabilitation gehört u.a. eine handwerkliche Tätigkeit vor Ort. Der Primar empfiehlt Doris das Gärtnern oder Blumenstecken. Sie entscheidet sich fürs Schmieden.
„Als ich das erste Mal mit meiner Therapiekarte dort zu der Schmiede gekommen bin, hat der Leiter von der Schmiede gesagt: ‚Blumen stecken ist am anderen Ende vom Gang‘“, lacht sie. Die anderen in der Reha-Schmiede sind allesamt Männer: „Diese waren großteils vom Bau, hatten wirklich ganz fürchterliche Unfälle gehabt. Als ich das erste Mal reinkam, haben mich die natürlich auch erst einmal so angeschaut … Aber schon das zweite Mal sind sie draufgekommen, ich will das tatsächlich machen und ich bemühe mich wirklich. Den Kerzenständer, den ich schlussendlich dort geschmiedet habe, habe ich heute noch.“
„Es erschreckt mich immer wieder, wie sehr sich eine starke, intelligente, talentierte Frau verändern kann, sobald ein Mann, der beruflich mehr Einfluss hat als sie selbst, sie zu hofieren beginnt.“
Doris Kloimstein, bezugnehmend auf ihre Beobachtungen speziell im Kunst- und Kultursektor
Heute ist und bleibt Doris gern in St. Pölten. Ihr über die Jahrzehnte gewachsener Freundeskreis bedeutet ihr viel. „Von ihren frühen Jahren als kulturell uninspirierte Kleinstadt hat sich St. Pölten mittlerweile völlig wegentwickelt, ist Landeshauptstadt.“
Aktuell arbeitet die Schriftstellerin mit sehr viel Fokus an einem längeren literarischen Text, zu dem sie noch nicht mehr verraten möchte. Dazu ist sie laufend an Bord mehrerer Teams in Wien und Projekten aus Kunst und Kultur. Auch in der Jury für die aktuelle Ausgabe der St. Pöltner Anthologie „ungebunden“ hat sie einen festen Platz. Oft und gern ist sie auch in Innsbruck – und eben Wien: Zuletzt etwa beim Song Contest-Public Viewing im CI am Yppenplatz, wo sie mit dem Verein ::KUNST-PROJEKTE:: im Vorprogramm aufgetreten ist – als, nun: Als singendes Pferd.
Und gerade das Thema Pferd möchten wir hier nochmals aufgreifen. Es ist nämlich einfach zu cool, um es nicht anzuführen.
Pferde begleiten Doris Kloimstein nicht nur privat. Ihrem Seelenpferd nämlich hat sie beispielsweise auch ihr erstes Comic-Heft gewidmet.
Seelenpferd? Das gibt es wirklich und heißt Miss Maggie Lucifer. Heute grast es zufrieden im Pielachtal. Vor vielen Jahren war es das erste Pferd, auf das Doris nach ihrer Reha wieder aufgestiegen ist – wohlgemerkt, nachdem ihr der behandelnde Arzt mitgeteilt hatte, sie würde niemals wieder reiten können.
„Eine Freundin hatte mich eingeladen, mit ihr das Kutschenfahren auszuprobieren, wenn ich schon nicht mehr reiten konnte“, führt Doris aus. Weil ihre Begeisterung nicht so groß ist wie erhofft, bietet ihr die Freundin spontan an, die Pferde dann halt doch lieber zu satteln – und einen kleinen Ritt auszuprobieren.
Wenige Minuten später sitzt Doris auf Maggie Lucifer. Und zwar, naja: im Galopp. Die Prognose, dass sie als Pferdenärrin niemals mehr reiten kann, löst sich mit jedem Hufschlag in Luft auf. Sie kauft das Pferd – und widmet der Stute viele Jahre später (also: jetzt) ihr erstes Comic.
Entstanden ist der Band aus einem eigentlich anderen Projekt mit und für die Kunst-Projekte Ursula & Franz Pfeiffer. Für welches sich Doris, wie es ihr entspricht, sehr spontan und im stark verknappten Zeitraum von nur zwei Wochen, „reingetigert“ hat – um Tag und Nacht zu schreiben und zu zeichnen. Da das Ergebnis so gut war, wurde es in Folge und völlig ungeplant auch noch gedruckt. Und ist jetzt, im November 2026, unter dem Namen „The Little Happiness of the Chubby Tinker Mare Miss Maggie Lucifer“ u.a. in der Buchhandlung Kral in der St. Pöltner Innenstadt erhältlich.
Ganz ehrlich: Es fällt mir schwer, mich von meiner neuen inspirierenden Bekanntschaft zu trennen, und gemütlich ist es im Cinema Paradiso bekannterweise noch dazu. Trotzdem kommen wir zum Schluss unseres Gesprächs, denn Doris hat am nächsten Tag Wien am Programm – und ich selbst um 5 Uhr 45 Tagwache, um meine Tochter gut auf den Schulweg zu begleiten.
Meine (leider) letzte Frage ist darum, was sie als Feministin auszeichne, wenn sie es auf ein, zwei Sätze runterbrechen müsste.
Ruhig und überlegt antwortet mir Doris Kloimstein: „Ich beharre darauf, dass Frauen alle Rechte haben müssen, die ihnen noch immer nicht vollständig zukommen. Denn Frauen sollen selbst entscheiden können, was sie tun – ohne Grenzen, die durch Sozialisation gesetzt wurden oder werden.“
Schriftstellerin.
Performerin.
Kulturvermittlerin.
(Und ab und zu auch mal: ein Pferd.)
Danke fürs Weitersagen!