Büro für Diversität: Martina Eigelsreiter redet Klartext

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Eine Frau in Sommerkleidung steht hinter einer weiblichen Steinbüste und sieht lachend hervor
© Althea Karoline Müller
Die Leiterin von St. Pöltens einzigartiger Diversity-Einrichtung legt reale Herausforderungen und aktuelle Fakten auf den Tisch
Das St. Pöltner Büro für Diversität ist in dieser Form österreichweit einzigartig. Leiterin Mag.a Martina Eigelsreiter war von Anfang an dabei. Im Interview verrät sie uns mehr über ihre professionellen und persönlichen Zugänge – und den Ist-Stand zu feministischen Themen.

Die Wölfin als neues feministisches E-Zine für NÖ-Mitte mit Rat, Tat und Expertise zu unterstützen, war Martina bereits in der Vorbereitungsphase ein Anliegen. Was steckt denn nun aber eigentlich alles im Büro für Diversität von St. Pölten? Und: Wie hat das eigentlich alles angefangen?

„Uns gibt’s echt schon lange“, verrät Martina, „seit 2012. Und seitdem bringen wir unsere Themen bestmöglich in der Stadt unter. Ich glaube, von den Rückmeldungen her wird unsere Arbeit auch durchaus angenommen.“ Die fünf großen Bereiche sind Frauen und Gleichstellung, Menschen mit Behinderung, Menschen anderer Herkunft, sexuelle Identität und Weltreligionen. Damit orientieren wir uns an den Diskriminierungsmerkmalen vom Land.

Projekte dort, wo etwas fehlt

In Vollzeit sind die drei Mitarbeiterinnen damit mega gut beschäftigt. Beratungsstelle im klassischen Sinne ist das Büro für Diversität nicht: „Menschen kommen natürlich mit Fragen oder Problemstellungen zu uns – wir vermitteln sie dann direkt weiter zu den Beratungsstellen, die für genau diese Anliegen zuständig sind. Meist sind die Herausforderungen auch nicht nur auf ein Problem beschränkt, sondern auf mehrere, weswegen wir dann schauen, wo überall der Mensch, die Organisation die entsprechende Unterstützung finden kann. Das spart Menschen, die meist ohnehin gerade verzweifelt oder dringend Hilfe brauchen, viel Zeit und viele Nerven.“

Der Fokus von Martina und ihrem Team liegt auf Projekten, die das ganze Jahr über, ohne klassische saisonale Pausen übrigens, abgewickelt werden. „Wir schauen: Was fehlt in der Stadt? Und dann engagieren wir uns für entsprechende Projekte genau an diesen Punkten.“

Am gleichen Platz – auf Augenhöhe

Mag.a Martina Eigelsreiter selbst ist von Anfang an dabei: Sie hat das Büro für Diversität aufgebaut. „2005 bin ich zum Magistrat gekommen“, sagt die aus Hainfeld kommende Absolventin der Uni und Wirtschaftsuni Wien. Ausgebildet in Publizistik und Politikwissenschaft sowie mit einer speziellen BWL-Ausbildung mit Marketing Werbe- und Marktforschung interessiert sie sich für das damals gerade frisch besetzte Stadtmarketing in St. Pölten. Überraschend wird ihr aber die Büroleitung vom damals erst ein Jahr amtierenden Bürgermeister angeboten. „Am besten ist es wirklich, nichts ganz speziell zu planen“, meint sie heute, „weil häufig kommen dann ja tatsächlich spannendere Dinge auf eine zu als gedacht.“ In ihrem Fall zieht nach einem Jahr in der Büroleitung die neue Idee eines Integrations- oder Frauenbüros im Magistrat ein, wenige Jahre später sollen die Bereiche zusammengelegt werden. „Und dann haben wir uns gedacht, irgendwie gibt es ja auch noch gar nichts für Menschen mit Behinderung. Und so hat das eigentlich gestartet mit unserem Büro für Diversität.“

Gerade der Begriff „Diversität“ hat von Anfang an für Kontroversen gesorgt – und ist Martina besonders wichtig: „Dieses Wort sagt aus, dass wir alle am gleichen Platz sitzen, alle auf Augenhöhe.“ Viel Informationsarbeit wird seitdem geleistet.

Als das Frauenbüro zum Büro für Diversität wurde, sorgte vor allem der Wegfall des Wortes „Frauen“ für Unmut, und es geisterten Ängste herum, unterschiedliche Gruppen könnten gegeneinander ausgespielt werden. Das ist nicht einmal 15 Jahre her.

Es hat sich schon viel getan

„In St. Pölten hat sich seither so viel getan. Solche Aussagen würde man heute kaum mehr hören, zumindest sind sie nicht mehr die Mehrheitsmeinung“, sagt Martina. „Aber in Regionen und kleineren Gemeinden, wo diese Arbeit nicht geleistet wird, werden genau diese Meinungen sicher heute noch vertreten. Man muss aktiv etwas tun, damit den Menschen bewusst wird: Wir nehmen niemandem etwas weg, wenn andere etwas dazubekommen. Wir sind alle eine Menschheit, wir sind alle gleich viel wert, wir haben alle Menschenrechte. Und wir müssen gemeinsam dafür kämpfen und uns solidarisieren.“

Das Büro für Diversität: In der Form einzigartig

Vernetzt ist das Büro in viele Richtungen: mit Organisationen, Schulen und Initiativen in der Stadt, mit dem Gleichbehandlungsbüro des Landes und über den Städtebund mit Städten und Gemeinden in ganz Österreich. In der Form ist das St. Pöltner Büro nach wie vor einzigartig, auch wenn einige nachgezogen sind, etwa Salzburg, Bregenz oder Kufstein, mit denen ein reger Austausch besteht. Eins zu eins übertragen lässt sich so ein Büro aber nicht, betont Martina: „Das ist so spezifisch auf die jeweilige Stadt und Gemeinde zugeschnitten und oft historisch gewachsen.“ Im Städtebund leitet sie selbst den Arbeitskreis „Barrierefreie Städte“, was sie freut und zugleich nachdenklich macht. Normalerweise haben politische Vertreterinnen und Vertreter den Vorsitz in solchen Gremien. „Für die Barrierefreiheit hat sich aber schlicht niemand aus der Politik gefunden.“ Als sie den Arbeitskreis damals angeregt hat, waren viele Städte und Gemeinden nur mäßig interessiert, obwohl die gesetzlichen Vorgaben zur Umsetzung längst da waren.

Und um allen die Sorge zu nehmen, die Frauenthemen könnten im Büro für Diversität untergehen: „Auch wenn es um alle Themen geht und alle für mich gleich wichtig sind: Ich bin trotzdem überzeugte Feministin.“

Drei Frauen unterhalten sich miteinander in einem Büro
© Althea Karoline Müller
Diversität hat immer Saison: Das ganze Jahr über sind Nadine Lojka, Martina Eigelsreiter und Julia Höllmüller (v.l.) im St. Pöltner Büro für Diversität als eingespieltes Team im Einsatz.
„Wenn du dich stärkst und Menschen kennenlernst, die dich unterstützen, kann sich etwas verändern. Wir haben in Österreich viele gute Unterstützungs- und Auffangmöglichkeiten.“

Mag.a Martina Eigelsreiter

Leiterin des St. Pöltner Büros für Diversität

Feministische Aha-Erlebnisse

Bezugnehmend auf Feminismus, wie schätzt sich die diverse Büroleitung selbst ein?

„Ein Gespür dafür war immer schon da“, überlegt sie, „etwa dass man als Frau immer wieder an Grenzen stößt. Aber ich weiß nicht, ob ich diese Klarheit so schnell gewonnen hätte, wenn ich mich nicht durch meine Arbeit so intensiv damit befasst hätte.“ Sie erzählt von Frauen um die 70, die erst kürzlich gesagt haben: Seit letztem Jahr bin ich Feministin. Ein Buch, ein Gespräch, und plötzlich das Aha-Erlebnis: „Ich habe mich immer falsch gefühlt und gedacht, das hat etwas mit mir zu tun. Aber es ist das System, es liegt nicht an mir.“ Und diese Frauen fühlen sich nicht zu alt, jetzt noch zu sagen: Das steht mir zu, ich will meine Rechte.

Ausgebremst vom System

Vielen Mädchen gehe es heute noch ähnlich, sagt Martina. „Manche legen sich bewusst besonders männliche Züge zu, beim Anziehen oder in der Art, wie sie sich geben, weil sie sich in der Weiblichkeit, die uns ständig vorgeführt wird, nicht wiederfinden. Manche denken dann sogar, vielleicht bin ich eher ein Mann. Dabei hat das damit gar nichts zu tun: Wir werden nach wie vor permanent vom System ausgebremst.“

Das beginnt früh: wenn der zwei Jahre jüngere Bruder gleich viel Taschengeld bekommt, wenn es beim Fortgehen heißt „Pass auf und schau auf deine Drinks“, während der Bruder nur ein „Viel Spaß!“ mitbekommt. „Das spürt man, aber man kann es als Mädchen noch nicht benennen. Ich hatte durch meinen Job den Vorteil, dass ich das, was ich selbst erlebt habe, ganz schnell benennen konnte.“

Auch im Berufsleben: Die Frage nach der Familienplanung darf im Aufnahmegespräch offiziell nicht mehr vorkommen. Thema ist sie trotzdem immer wieder, vor allem bei Frauen, selbst wenn sie noch gar keine Kinder haben. „Kollegen, die Kinder haben, wurden noch nie gefragt, wie sie das mit der Betreuung machen.“

Eigentlich Wahnsinn

Personalverantwortliche stellen die Frage heute selten direkt, weil sie wissen, dass das rechtliche Konsequenzen haben kann. Eher kommt sie durch die Hintertür. Martina spricht das in Schulen ganz offen an, um Mädchen auf Bewerbungsgespräche vorzubereiten: „Ihr dürft lügen. Das ist eine unzulässige Frage. Ihr könnt sogar schon schwanger sein und sagen: Familienplanung interessiert mich nicht, ich will jetzt einmal arbeiten.“ Dass Lügen der einzige Weg sein soll, die Chance auf einen Job nicht zu verlieren, ist eigentlich Wahnsinn. Willkommen im Jahr 2026. „Genau deshalb ist diese Arbeit nach wie vor so extrem wichtig.“

Die Rechtslage in Österreich ist gut, sagt Martina. Woran es hapert: „Die Gesetze müssen auch in den Köpfen verankert werden. Rollenbilder und traditionelle Klischees leben nach wie vor weiter und werden tagtäglich gelebt.“ Bewusstseinsbildung braucht es also auf allen Ebenen, von jung bis alt, und besonders bei den Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern. Gleichzeitig gilt es aufzupassen, dass Errungenschaften nicht wieder verloren gehen: „Gesetze kann man relativ schnell ändern, wenn es den politisch Verantwortlichen nicht mehr gefällt. Dafür müssen wir kämpfen, dass es keinen Schritt mehr zurückgeht.“

Und die Gesetze, die es gibt, sollen auch genutzt werden. Wer im Bewerbungsgespräch nach der Familienplanung gefragt wird, kann das melden: in der Privatwirtschaft bei der Gleichbehandlungsanwaltschaft, im öffentlichen Dienst in Niederösterreich beim Gleichbehandlungsbüro des Landes. Wie beim Rassismus, wo man etwa eine rassistische Schmiererei bei der Polizei und bei ZARA (Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit, Anm.) melden soll, weil dort diese Daten gesammelt werden, braucht es Zahlen, um sichtbar zu machen, wie oft so etwas passiert. „Es ist mühsam, weil man immer wieder viel Energie hineinstecken muss. Es geht zwei Schritte vor und wieder einen zurück. Aber dranbleiben, ganz dringend dranbleiben.“

Ganz wichtig: Austausch

Genauso wichtig ist der Austausch: unter Frauen, von alt bis jung, miteinander reden, die Dinge auf den Tisch legen, gemeinsam Lösungen suchen, auch einmal Dampf ablassen, statt des „Lass, ist eh wurscht“, mit dem viele aufgewachsen sind. Geändert hat sich daran erschreckend wenig, meint Martina: „Man könnte das eins zu eins von den 80er-Jahren auf heute umlegen, nur dass jetzt Social Media, das Internet und Hasspostings dazukommen.“ Politikerinnen etwa erleben im Netz eine ganz andere, massive Hasswelle als ihre männlichen Kollegen, das ist gut erforscht. Unter sachliche politische Statements werden vulgäre, sexistische Kommentare gesetzt, die mit dem Inhalt nichts zu tun haben. Und das zermürbt selbst die stärkste Person. Wer sich wehren will, hört oft sogar in der eigenen Partei: Das bringt nichts, das muss man in der Politik aushalten. Und es gibt nach wie vor wenige Anwältinnen, die sich in dieser Materie auskennen. „Die sagen dann: Warum sind Sie nicht schon früher gekommen? Man muss halt wissen, wohin man gehen kann. Und man braucht sich das nicht gefallen zu lassen. Ich glaube, es geht nur so: Man muss es aufzeigen.“

Wie wichtig das ist, zeigt ein Beispiel aus St. Pölten. In einem Bericht ging es darum, ob Frauen mit Kopftuch in der Stadt belästigt oder angepöbelt werden. „Ich hatte das Gefühl, man hat zwei verschiedene Städte miteinander verglichen“, erzählt Martina. Die Polizei sagte: Es gibt nichts, weil nichts aufscheint. Das Büro für Diversität hingegen sprach täglich mit Frauen, die unter solchen Aussagen oder Schlimmerem litten. „Eine stigmatisierte Frau, die vielleicht kein Vertrauen in die Polizei hat, weil so etwas in ihrem Herkunftsland bestenfalls ausgelacht wird, geht nicht zur Polizei. Natürlich scheint das dann nicht auf.“ Darum seien Solidarität und das Darüberreden so wichtig: Viele Frauen glauben, so etwas passiere nur ihnen. „Wenn du 30, 40 Einzelgeschichten kennst und sie zusammenfasst, dann ist das kein Einzelfall mehr, sondern ein System, das nicht funktioniert und das wir ändern müssen.“ Deshalb sei es so wichtig, dass Frauen melden und benennen, was ihnen passiert ist, es dokumentieren und sich Hilfe suchen. „Und dafür gibt es ja eine Stelle: uns.“

Sich einsetzen für die eigenen Rechte

Egal in welchem Bereich: „Wenn man sich wirklich mit anderen zusammentut und gemeinsam aufzeigt, dass es so nicht sein kann, dann stärkt man sich gegenseitig. Wenn man sieht, dass man viele sind, wird man wahrgenommen.“ Genau das ist auch die Idee der Frauenplattform: sichtbar zu machen, wie viele Fraueneinrichtungen es gibt und wie viel Kraft und Energie darin steckt, sich für die eigenen Rechte einzusetzen. „Dann ist man sichtbar. Und dann denkt man sich vielleicht: Okay, vielleicht müssen wir doch mehr für die Frauen machen. Vielleicht ist noch nicht alles so ganz toll.“

Solidarität und Sichtbarkeit

Und warum unterstützt das Büro für Diversität die Wölfin?

„Das ist eigentlich schon beantwortet: solidarisch sein, öffentlich sein, sichtbar sein“, sagt Martina. „Es kann für unser Büro nur von Interesse sein, dass wir nicht alles allein stemmen müssen, sondern dass es ganz viele Stellen gibt und neue Initiativen entstehen, die diese Themen aufgreifen.“ Beim gemeinsamen Workshop beteiligten sich viele unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Zugängen, und daraus entsteht für die Wölfin etwas Sichtbares, auf das wieder ganz neue Menschen aufmerksam werden, die weder das Büro noch die einzelnen Teilnehmenden sonst erreichen würden. „Das ist eine Verstärkung. Und so entsteht wieder etwas Größeres. Das ist in unserem ureigensten Interesse. Es ist also völlig selbstverständlich, dass wir solche Initiativen unterstützen.“ Ein Dank, den sie gleich zurückgibt: „Das Engagement in diesem Bereich ist in Zeiten wie diesen nämlich auch nicht selbstverständlich.“

Je tiefer man in die Materie eintaucht, desto öfter fragt man sich: Ist das jetzt echt passiert? Müssen wir darüber wirklich noch reden?

Frauenrechte sind Menschenrechte

„Diskriminierungserfahrungen machen viele“, sagt Martina, „aber Frauen sind mit Sicherheit die Gruppe, die bis heute am längsten durchgehend diskriminiert wird.“ Dass man 2026 noch immer betonen muss, dass Frauenrechte Menschenrechte sind (weltweit nach wie vor keine Selbstverständlichkeit!), ist eigentlich kaum zu fassen.

Veränderung braucht für Martina zweierlei:

„Das eine ist das Systematische, das geändert gehört, sonst geht nie etwas weiter. Das andere ist das Selbsterkennen, weil man ganz lang durch die Welt geht und denkt, das ist halt so.“ In Schulen appelliert sie deshalb: Lasst nichts einfach so stehen, fragt nach, wozu etwas gut sein soll und warum wir es so machen. „Das ist super anstrengend, aber nur so gibt es Veränderung.“ Denn nur weil etwas die letzten Jahrzehnte so gemacht wurde, war es nicht schon immer so, auch wenn verschiedene Kräfte das gerne mit der Biologie begründen. „Wer sich in der Geschichte nicht gut auskennt, kommt nicht drauf, dass es erst eine kurze Geschichte ist, dass Frauen in Österreich so massiv zurück an den Herd gedrängt wurden.“ Danach gab es Fortschritte, aber eben wieder zwei Schritte vor und einen zurück: Konservative Kräfte sagen erneut, Frauen hätten hier und dort nichts verloren, und sehr mächtige Kräfte pumpen viel Geld hinein, damit es wieder in die andere Richtung geht.

Von Täuschungen, Tradwives – und dem Unterschied zwischen Position und Rolle

Gerade für Mädchen ist das heute entscheidend. „Im Vergleich zu den 1950er-Jahren hat sich extrem viel getan, ganz klar. Mädchen wirken selbstbewusst und super drauf, und man glaubt, da kann nichts mehr passieren. Aber das täuscht.“ Auf Social Media kann es schnell in eine andere Richtung gehen. Man muss sich nur ein paar Videos von „Tradwives“ ansehen, die die Frau am Herd hochleben lassen, als wäre das Schönste, für den Mann da zu sein. „Burschen haben irgendwann einen Beruf und eine Position. Mädchen haben noch immer Rollen. Und all diesen Rollen gerecht zu werden, ist in einer so vielfältigen Welt nicht zu schaffen. Das zerreißt dich.“ Da klingt das Tradwife-Versprechen verlockend: für die Kinder da sein, den Kuchen selbst backen. „Nur funktioniert das halt nicht. Viele dieser Frauen haben reiche Männer und verdienen selbst mit genau diesen Videos richtig Geld. Wie soll das ein Mädchen vom Land schaffen?“

Die Realität: Gender Pay Gap, Teilzeitfalle und Altersarmut

Und dann die Realität: In Österreich wird fast jede zweite Ehe geschieden. Damit ist man beim Equal Pension Day, der heuer auf den 9. August fiel: An diesem Tag hatten Männer bereits so viel Pension bezogen, wie Frauen erst bis Jahresende erhalten. „Dieser Gap ist riesengroß, und das ist nicht ohne Grund so: weil Frauen für die Familie zurückstecken. Teilzeit ist schon gefährlich genug, aber was heißt es, wenn sie gar nicht erwerbstätig sind und dann geschieden werden? Altersarmut. Wir sind nach wie vor eines der reichsten Länder, und es gibt eine unglaubliche Frauenarmut, genau deswegen.“

Natürlich wollen sich Mädchen noch nicht mit der Pension beschäftigen. „Aber man muss es ihnen sagen, sie stärken und von Anfang an Klartext mit ihnen reden: alle Fragen beantworten, ihnen nichts vorschreiben, aber sie stärken.“ Und ihnen zeigen, wohin Abhängigkeit führen kann: „Diese Abhängigkeit macht alles kaputt, das geht bis zur Gewalt an Frauen. Wie soll eine Trennung ohne Geld funktionieren? Im Frauenhaus bist du immerhin an einem sicheren Ort, aber viele trauen sich diesen Schritt nicht, weil sie wissen, sie verlieren alles, obwohl sie so viel Energie in die Familie, das Haus und die Karriere des Mannes gesteckt haben.“ Sich einzugestehen, dass vieles, woran man geglaubt hat, vielleicht gar nicht gut für die eigene Zukunft ist, sei schmerzhaft. Oft überwiegt die Angst – und das zu Recht.

Angst ist kein guter Ratgeber

„Diese Ängste waren schon immer da, und ich kann sie so gut nachvollziehen“, sagt Martina. „Aber Angst ist kein guter Ratgeber. Die Angst lähmt dich. Mit Mut gehst du weiter, und vor allem bist du dann selbstbestimmt.“ Auch hier helfe es, sich zu solidarisieren und darüber zu reden: Ich habe auch Angst, aber welche Alternativen gibt es? „Wenn du in der Angst steckst, bleibt es im besten Fall so, ganz oft wird es aber schlechter. Wenn du dich stärkst und Menschen kennenlernst, die dich unterstützen, kann sich etwas verändern. Wir haben in Österreich noch immer so viele gute Unterstützungs- und Auffangmöglichkeiten.“

Angenehm sei das nicht, auch nicht, zuzugeben, dass man mit etwas gescheitert ist. „Das Problem ist, dass wir in Österreich überhaupt keine Kultur des Scheiterns haben, deshalb ist die Scham so groß. Aber wen interessiert das in zwei Jahren? Zeig mir jemanden, der noch nie gescheitert ist! Und genau das bringt dich weiter, weil du den Fehler nicht noch einmal machst.“ Bei Männern beobachtet sie oft das Gegenteil: „Die scheitern, und trotzdem wird ihnen auf die Schulter geklopft, das kann ja jedem passieren. Und dann machen sie zehnmal denselben Fehler, weil es keine Konsequenzen gibt.“

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Danke, liebe Martina, für das Gespräch und für den Support! Das Interview führte Wölfin Althea Müller. Ein spezielles Danke für die wunderbare Aufbereitung geht an SMARTUP und hierbei besonders an Tijana Mijatovic. Danke, liebe Tijana!

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