Patricia Nickel-Dönicke: Was spielt sich ab?

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Vier Menschen sitzen an einem langen Tisch in einer Theater-Pressekonferenz
© Philine Hofmann
Die neue Intendantin am Landestheater Niederösterreich im Interview
In patriarchalischen Strukturen weibliche Führungskompetenz durchzusetzen und ein vielschichtiges, kreatives Ensemble gleichermaßen zu fordern und zu fördern – dafür ist Patricia Nickel-Dönicke als neue Intendantin ans Landestheater Niederösterreich gekommen. Die spannende Frau, das etablierte Haus am St. Pöltner Rathausplatz und die neue Spielzeit zu präsentieren, ist uns ein besonderes Anliegen.

Als gebürtige Potsdamerin und erfahrene Dramaturgin und Initiatorin neuer Theater-Formate hat Patricia Nickel-Dönicke die Künstlerische Leitung am Landestheater NÖ zur Spielzeit 2026/27 für fünf Jahre übernommen. Dafür ist sie mit ihrer Familie nach St. Pölten übersiedelt. Im Bewerbungsprozess dafür konnte sie sich im dreistufigen Auswahlverfahren als eine von 49 Bewerber:innen (17 w/32 m) aus ganz Europa durchsetzen.

Bei unserem Gespräch Anfang Oktober liegen zwei Auftakt-Highlights unmittelbar hinter ihr – die vielbeachtete Eröffnungspremiere von „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ sowie die Erstaufführung von „Die Sache mit dem Gruselwusel“ im Rahmen vom JULA – der neuen Sparte Junges Landestheater.

Interview mit Patricia Nickel-Dönicke, Oktober 2026

Erweiterter Rahmen: Bei dem Gesprächstermin im sonnenbeschienen Gastgarten des Teatro gesellen sich nach und nach auch Tochter Helene und Ehemann Clemens hinzu. Die gelebte Balance von Beruf und Familie zeigt sich so bereits im Rahmen des Interviews so lebendig, wie wir sind.

WÖLFIN: Wie geht es euch mittlerweile hier in St. Pölten? Euer Umzug von Deutschland nach Österreich liegt ja bereits einige Monate zurück. Fühlt ihr euch wohl?

PATRICIA NICKEL-DÖNICKE: „Ich habe letztens erst daheim gefragt, ob Clemens und Helene Deutschland vermissen. Im Chor kam als Antwort: ‚Nein, auf gar keinen Fall.‘ Die Lebensqualität ist hier enorm höher als sonst, wo wir bisher gelebt haben, etwa in sehr touristischen Städten – oder auch in Städten, die jetzt weniger erschlossen waren, wo es dann aber immer hieß, ‚wir sind gleich in der Nähe von‘. Also wie in Oberhausen, da hieß es, ich lebe in Oberhausen, aber das Beste ist, in einer halben Stunde bist du in Holland und in zwei Stunden am Meer. Das ist hier alles ganz anders: In St. Pölten hast du die Stadt mehr für dich – und du hast direkt hier so vieles, das Lebensqualität bietet. Wir haben hier bei weitem noch nicht alles entdeckt, was wir entdecken wollen.“

Was ist hier in Österreich auf der anderen Seite noch eher gewöhnungsbedürftig?

PATRICIA: „Die patriarchalen Strukturen sind hier schon noch schärfer als in Deutschland. Das begegnet mir immer öfter, auch und gerade an Stellen, wo ich so denke: What? Das merke ich in Österreich an sich und noch mehr an ländlicher Konservative. Also allein, dass noch übers Gendern diskutiert wird. Oder, letztens waren wir als Familie bei einer Sportveranstaltung eingeladen, und beim Einlass wurde mein Mann angesprochen: ‚Ach, Sie sind mit Ihren beiden Damen da?‘ Ich meinte daraufhin: ‚Nee, ich bin mit meinem Mann da.‘“

Das heißt, du bist eine Frau, die dann auch etwas erwidert. Ich mache die Erfahrung, als Frau oft in der Situation nicht so spontan und schlagfertig zu sein, wie ich es gern wäre.

PATRICIA: „Das ist dann auch schon sehr die Ostdeutsch-Brandenburger Schnauze, denke ich. Und ich bin im totalen Matriarchat aufgewachsen. Schon meine Großmutter, die ist heute 99, hat gearbeitet. Das war für mich normal.

Und dann merke ich, obwohl ich ja schon über ein Jahr zumindest aus der Ferne meine Zeit hier vorbereitet habe, dass es noch arge Mentalitätsunterschiede gibt – gerade in Konfliktsituationen am Theater. Wie direkt etwas gesagt wird, wird dann häufig nicht als Sachgehalt gelesen oder gehört, sondern als Beleidigung. Da können wirklich Missverständnisse entstehen. Solche ‚Sprachbarrieren‘ finde ich auch spannend. Viele meinen, wenn du aus Deutschland nach Österreich kommst, ist es ja kein richtiges Auswandern. Das ist es aber absolut.“

Eine Art Kulturschock?

PATRICIA: „Kulturschock möchte ich nicht sagen. Aber es hat auch viel mit der Geschichte zu tun. Dieses Habsburger’sche, ein bisschen Bürokratische, dieses Herr Professor. Manchmal ist es so ein bisschen wie aus der Zeit gefallen.“

„Ein bisschen“ würde ich da gar nicht sagen. Wir Österreicher:innen stehen tatsächlich sehr auf unsere Titel …

PATRICIA: „Und es ist auch lustig, Helene dabei zu beobachten, wie sie damit umgeht. Zum Beispiel war zu Schulanfang der Umstand, dass sie feministische Literatur mag, in ihrer Klasse einen Applaus wert. Das war wertschätzend gemeint, aber in Deutschland war es ganz normal, dass die Kinder mit 13, 14 Jahren in der Schule diskutierten, dass die Mädchen mit den Jungs debattierten und auch stritten, etwa wenn es drum ging, dass die Jungs meinten, Frauen sollten im Frauenfußball weniger verdienen als Männer.“

Helene ist ja auch an Bord für den baldigen Frauenstreik.

PATRICIA: „Ja, wir waren beim ersten St. Pöltner Gruppentreffen dafür dabei. Und für Social Media hat sich niemand gemeldet. Helene und ein gleichaltriges Mädchen haben sich dann deshalb dafür zusammengetan. Maggie vom Campusradio hat sich dann auch gleich eingeschaltet und ihnen ein Aufnahmegerät zur Verfügung gestellt. Und dann sind die Mädchen schon losgezogen, um Reels zu machen.“

Eine Frau mit dunkelblonden Locken im Porträt
© Katarina Soskic
Patricia Nickel-Dönicke ist für die kommenden fünf Jahre als neue Intendantin ans Landestheater Niederösterreich gekommen.
„Für gewöhnlich haben wir als Frauen und Care-Arbeitende eher keine Zeit, um uns später beim Golf nochmals miteinander über Deals auszutauschen.“

Patricia Nickel-Dönicke

Intendantin am Landestheater NÖ

Im Mai habe ich dich im Rahmen der Pressekonferenz am Landestheater erstmals live erlebt. Ich war sehr angetan, weil die Veranstaltung komplett auf der Bühne stattgefunden hat – als Redakteurin fand ich es toll, mal dort oben zu sitzen. Ich fand auch die Aufbereitung cool, z.B. mit direkt eingebauten schauspielerischen Elementen. Dazu fand ich die kommenden Inhalte interessant, vor allem das neue Jugendprogramm mit dem neuen Jungen Landestheater, und die Stücke, die sich etwa um Schönheitswahn oder Alkoholismus drehen. Sehr mutig. Was mich schwer irritiert und was ich mir noch tagelang draus mitgenommen habe, waren aber zwei Journalisten im Publikum, die offensichtlich sehr negativ auf deine Person eingestellt waren. Sie haben unabhängig voneinander meiner persönlichen Meinung nach untergriffig und zutiefst respektlos, aus dem Zusammenhang gerissen und darüber hinaus auch noch inhaltlich schlecht bis mangelhaft recherchierte  Fragen gestellt. Seitdem möchte ich dich zu dieser Pressekonferenz befragen, wie es dir dabei ging. Mich haben zwei Dinge belastet: Erstens, warum du so dermaßen beschossen wurdest. Zweitens, warum absolut niemand von uns aus dem Medienpublikum sich eingeschaltet hat. Ich habe mich im Nachklang sehr über mich selbst geärgert, dass ich nichts gesagt hatte. Ich hatte für diese Veranstaltung kein Medium hinter mir, sondern war als allgemeine Redakteurin eingeladen, fühlte mich somit auf professioneller Ebene etwas wackelig dort am Parkett. Und, ganz ehrlich: Ich hatte auch Angst vor der Reaktion der beiden fremden Journalisten, sollte ich etwas sagen.

PATRICIA: „Zuerst einmal: In solchen Situationen kannst du argumentieren, wie du willst – wenn da mal so ein Weg vorgezeichnet wird, kannst du eigentlich nichts mehr machen. Ich hätte schweigen können und hoffen, dass Paul (Gessl, Anm.) eingreift, da bin ich aber nicht der Typ für. Aber ich war auf diese Fragen mehr oder weniger vorbereitet. Aber Menschen, die mich kennen, haben schon arg gemerkt, dass ich innerlich ordentlich gebrodelt habe. Ich war wütend. Aber weil du sagst, du hast dich nicht getraut, etwas zu sagen – allein das laute Geseufze hat mir totalen Aufwind gegeben.“

Ja, zumindest genervt geseufzt habe ich im Publikum tatsächlich.

PATRICIA: „Das hat mir dort vorne schon gereicht, um zu wissen, okay, ich bin nicht allein. Als Theaterfrau, schon allein als Mutter in Führungsposition, bin ich es ja gewöhnt, angegriffen zu werden. Und gerade bei dieser Pressekonferenz hatte ich sozusagen schon in der Früh bereits einen Höllentag hinter mir: Am Vortag hatte Helene Konfirmation gehabt, am Vorabend war ich um Mitternacht in München gestrandet gewesen und es ist von dort kein Zug nach St. Pölten gefahren, damit ich um spätestens 9 Uhr früh im Theater hätte sein können. Somit bin ich nachts im Bummelzug nach Salzburg, um dort kurz in einem Hotel zu schlafen und dann weiter nach St. Pölten fahren, um es zeitgerecht zu schaffen. Mit kaputtem Bein, weil ich relativ frisch am Kreuzband operiert worden war, also ich war eher humpelnd unterwegs. Und dann diese Fragen, bei denen ich zum Teil gar nicht wusste, was der jetzt von mir will. Und ja, wenn solche Fragesteller einmal loslegen, dann hören die auch nicht mehr auf. Auch jetzt nicht, wo die Spielzeit bereits läuft.

Ein feindlicher Grundtenor ist zum einen: schon wieder eine Frau? Zum vierten Mal eine Intendantin am Landestheater?

PATRICIA:  „Und dann auch noch eine Deutsche!“

Hier schafft gehaltvolle und auf die Kunst bezogene Presse einen angenehmen Ausgleich. Apropos: Wir müssen unbedingt noch über die Spielzeit reden.

PATRICIA: „Die Eröffnungspremiere hat ‚Arturo Ui‘ ja mit kollektiver Arbeit inszeniert – mit elf Regisseur:innen und komplettem Ensemble. Was nicht immer ganz leicht war, also dass jede:r gesehen wird und sich niemand irritieren lässt, wenn elf unterschiedliche Leute andauernd irgendetwas anderes sagen. Die Spielenden haben es geschafft, ganz toll ihre Figuren zu entwickeln – eine echte Herausforderung, das auf die Bühne zu bringen und gleichzeitig zu merken, okay, die Menschen, die wir da zusammengebracht haben, sind ein super Team. In der Theorie habe ich sie ja schon vor einem Jahr lang gecasted und kennengelernt, und dann siehst du es real…“

Mit welchem Hintergrund hast du dir für die Eröffnung etwas so Komplexes einfallen lassen? Ihr hättet es ja auch einfacher haben können.

PATRICIA: „Mit dem Hintergrund, dass ich zum Start unbedingt das ganze Ensemble präsentieren wollte, anstatt zu sagen, hey, das ist hier mein Star oder die- oder derjenige muss jetzt ganz wichtig wichtig spielen. Zum Stück selbst war es mir wichtig, eines von Bertolt Brecht zu zeigen, das ziemlich schlau bereits 1942 genau das beschreibt, das ausschlaggebend für Faschismus ist. Dazu gehören Politik und Wirtschaft, die Medien und Kunst – alle haben ihren eigenen Part dabei, alle sind Steigbügelhalter:innen. Das ist eine gute Geschichte, die funktioniert. Und dann wollte ich natürlich mal schauen, was passiert, wenn die elf Regisseur:innen, die später in der Spielzeit alle ihre eigenen Stücke haben, zusammenkommen – ihre unterschiedlichen Ästhetiken und Erzählweisen zusammenbringen.

Es gibt genug Intendant:innen, die selber Regie führen und mit eigener Inszenierung eröffnen. Aber ich bin Dramaturgin von Haus aus – von daher ist es mir wichtiger, die Unterschiedlichkeiten zu zeigen, als zu sagen, das ist der einzig richtige Weg.“

Ein feministischer Fokus zieht sich ja eigentlich durch die gesamte Spielzeit – von „Margarete“ bis zu „Musik“.

PATRICIA: „Bei Arturo haben wir Ui bewusst mit Bettina Kerl besetzt, denn Faschismus kann genauso gut ein weibliches Gesicht haben. Unser Ensemble ist zur Hälfte mit Frauen, zur Hälfte mit Männern besetzt, auch das war mir wichtig. Bei ‚Margarete‘ lassen wir im berühmten Faust-Stoff jene Person zu Wort kommen, die ausgebeutet und ausgenutzt und bis in den Tod getrieben wird. Um da mal hinzuschauen: Ein alter weißer Mann vergreift sich also an einer 14-jährigen. Im Stück wird Margarete in drei verschiedenen Altersstufen gezeigt, eine davon spielt meine Tochter Helene, eine wird von Sonja Dürnberger aus dem Stadtensemble verkörpert und eine von Caroline Baas. Es ist schon heftig  zu sehen, wie jung diese Margarete eigentlich ist – aus diesem weltberühmten Klassiker, den wir immer wieder zeigen, mit Missbrauch, Verführung, K.O.-Tropfen und Mord, Kindsmord. Und wieso ist dann in einem solchen Klassiker der Täter eigentlich der, der so eine Riesenstimme hat? ‚Margarete‘ ist halt total super, weil es auch so niederschwellig ist – da kannst du wirklich auch reingehen, wenn du keinen Bock auf klassisches Theater hast.

Eine Journalistin hat uns im feministischen Zusammenhang unterstellt, dass zu wenige Regisseurinnen bei uns arbeiten. Ich frage mich, was soll diese Quote, wenn wir feststellen, dass es viele Autorinnen, Regisseurinnen und auch weibliche Figuren gibt. Dreifach weiblich ist z.B. die ‚Geierwally‘: Eine Autorin, die bereits vor 150 Jahren die Geschichte von einem jungen Mädchen erzählt, das von ihrem Dorf ausgestoßen und vom eigenen Vater eher in den Tod getrieben wird, als dass der seine Ehre verliert. Wir sind dann wieder bei den Worten Ehre und Schuld und Scham. Überarbeitet von einer Tiroler Autorin.“

Welche feministischen Ansätze finden wir in der neuen Sparte JULA, dem Jungen Landestheater?

PATRICIA: „Mit Leonie Rohlfing als Leiterin des JULA habe ich nicht nur eine neue Sparte gegründet. Vielmehr wird hier auch eine junge Frau mit einer Führungsposition beantwortet. Ihr Talent derart zu fördern ist etwas, was mir mein Leben lang gefehlt hat. Ich hatte nie weibliche Führungspersönlichkeiten über mir, die an mich geglaubt und mich gefördert hätten, so wie ich das jetzt für Leonies Vision und ihr künstlerisches Handwerk empfinde und mache. Klar habe ich dann manchmal mehr zu tun, als wenn da ein alter Hase sitzen würde, aber ich kenne Leonie bereits aus langjährigen Arbeitsbeziehungen und weiß, wie zuverlässig sie ist. Und ich denke auch, wenn dir niemand eine Chance gibt, wie willst du dich dann entwickeln? Sie macht ihre Sache sehr gut.“

Helene, was macht Theater deiner Meinung nach mit jungen Menschen – und für sie?

HELENE: „Ich selbst bin ja damit aufgewachsen und mir macht Theater wirklich sehr viel Spaß. Ich glaube, dass es bei anderen Jugendlichen aber oft unterschätzt wird – in die Richtung, dass es irgendwie so ein Altmenschen-Ding ist. Dabei ist es theoretisch, als würdest du dir einen Film anschauen, nur viel cooler, weil du die Menschen dann auch wirklich treffen kannst. Ob du gerne mitmachst, kommt sicher drauf an, wie gern du grundsätzlich auf der Bühne stehst, oder ob du dich fürs Lesen interessierst. Ich habe das erste Mal im Kindergarten Theater gespielt. Das Tolle ist, einmal jemand anders sein zu können. Oder, wie auch beim Sport, dass dir die Leute zusehen. Vor allem aber kann ich im Theater viel verbinden – also wenn ich z.B. auf der Bühne auch singe und tanze. Ich kann meine Kreativität genauso zeigen wie mein Wissen.

Ins Theater zu gehen, da heißt es dann eben oft ‚Das ist doch nichts für uns, nur für Erwachsene.‘ Dabei kannst du dich gerade im Theater auch mit klassischen Stücken wie eben Faust beschäftigen, wo das vielleicht auch mal anders ist, als wenn du es einfach nur in der Schule liest. Oder du kannst dir moderne Stücke ansehen oder etwas, das dich auch persönlich etwas angeht.“

Helene, was empfiehlst du anderen Jugendlichen besonders in der aktuellen Spielzeit?

HELENE: „‘Margarete‚, weil alle Altersgruppen angesprochen werden und der komplette und wirklich komplizierte Fauststoff leicht dargestellt wird. Und „Musik“. Das wirkt wirklich so ein bisschen wie ein Film.

PATRICIA: „Ich hatte zu ‚Musik‘ von Frank Wedekind eine Modell-Abgabe, wo das Bühnenbild besprochen wird, und musste darum die Fassung vom Regisseur zu lesen. Da habe ich Helene gefragt, ob sie es mit mir zusammen auf dem Sofa liest. Das ist von 1910, aber wirkt sehr heutig – durch die abstrusen Figuren und die komischen Relationen zwischen einer Ehefrau und ihrem Mann, der gleichzeitig Gesangslehrer eines jungen Mädchens ist und die drei eine sehr merkwürdige Dreiecksbeziehung führen. Dass das Mädchen ins Gefängnis kommt, obwohl sie das Opfer ist, ist heute nicht nachvollziehbar, aber trotzdem total aktuell – und ein Stoff zum Diskutieren.“

HELENE: „Es ist spannend, wie ein Setzkasten, wo wir immer wieder aus anderen Perspektiven draufschauen. Ein Krimi: Jetzt wird sie abgeholt und kommt in den Knast.“

Wir freuen uns über mutige Spielzeiten am Landestheater Niederösterreich unter der Leitung von Patricia Nickel-Dönicke. Apropos, Patricia – welche Pflicht siehst du für dich als Frau in einer Führungsposition?

PATRICIA: „Mir fällt bei deiner Frage sofort ein Bild ein: Meine Pflicht, die mir von einem Vorgesetzten genannt wurde, bestand darin: zeigt mit den Händen ein Rechteck.

Er meinte: ‚Das ist das Spielfeld, und auf diesem Spielfeld kannst du spielen und tun, wie du willst. Aber den Rahmen legen wir fest.‘ Das ist das Bild.“

Oh. Wow.

PATRICIA: „Also erstens war das Bild vollkommen männlich besetzt, weil es das klassische Fußballfeld ist, was mich als Frauenfußball-Fan (SKN und Turbine Potsdam) jetzt schon wieder ärgert . Aber es war sofort so: Ich stehe über dir in der Hierarchie und ich lege fest, wie es läuft.“

Und wie reagierst du dann?

PATRICIA: „Anfänglich habe ich mit Argumenten reagiert. Als Führungskraft ist es wichtig, wirklich inhaltlich argumentativ zu agieren, gerade als Dramaturgin, weil nie persönlich kritisiert werden darf, sondern für die Sache gesprochen werden muss, und dann natürlich auch so, dass es verstanden wird – um damit arbeiten zu können und nicht etwa zu blockieren. Also das ist konstruktive Kritik.

Mit welchen Herausforderungen bist du als Frau in einer Führungsposition konfrontiert, die du als Mann in derselben Position wahrscheinlich oder sicher nicht hättest?

PATRICIA: „Zuerst mal haben wir als Frauen und Care-Arbeitende für gewöhnlich eher keine Zeit, um uns später beim Golf  nochmals miteinander auszutauschen, was denn jetzt der Deal wirklich ist. Wir haben als Frauen auch weniger Kapazitäten, um uns bei jedem Weinfest zu betrinken, um dann Deals abzumachen, cool dazustehen und am nächsten Tag liegen zu bleiben.

Und ich merke, dass du als weibliche Führungskraft nicht drüber nachdenken solltest, lange zu argumentieren, sondern deine Entscheidung kurz und knapp vermittelst. Du musst dir Gehör verschaffen und sollst dabei aber nicht die Aufmerksamkeitsspannen überreizen. Wir Frauen fangen immer an, uns zu rechtfertigen und zu erklären. Meine Pflicht ist es also, Entscheidungen zu treffen, diese verständlich zu kommunizieren und dabei freundlich, klar und direkt zu bleiben.

Gerade Theater ist vielfach immer noch ein total patriarchal durchsetzter Betrieb. Als Frau wird dir gerne , wenn du für eine Sache einstehst, sofort Hysterie, Aufgeregtheit, einfach Emotionalität vorgeworfen.“

Hast du einen Impuls für uns, wenn wir wissen, es geht jetzt für uns in ein schwieriges berufliches Gespräch?

PATRICIA: „Krass vorbereitet sein: Wirklich gut zu überlegen, was ist der Punkt? Damit ich dann beim Reden selbst nicht beginne, zu lange zu überlegen oder auszuschweifen. Ganz wichtig bei der Vorbereitung auch: Wen treffe ich, warum treffen wir uns? Und: Genau auch solche Dinge auch gleich anzusprechen. Ich hasse es z.B., wenn bei einem Gespräch dann plötzlich weitere oder andere Gesprächspartner:innen dabei sind, als vereinbart. Dann frage ich: ‚Warum wurde das mit mir nicht abgesprochen?‘ Und außerdem wichtig: Immer auch lieber selbst mitnotieren, was wichtig ist.“

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Als Frau in Führungsposition weiß Patricia um ihre Pflicht, Entscheidungen zu treffen und diese verständlich zu kommunizieren.
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V.l.: Leonie Rohlfing, Patricia Nickel-Dönicke, Tabea Baumann und Paul Gessl bei der heurigen Auftakt-Pressekonferenz zur neuen Spielzeit am Landestheater NÖ.

Kontaktdaten

Drei Frauen sitzen an einem Tisch in einer Theater-Pressekonferenz
Landestheater Niederösterreich

Foto: ©Philine Hofmann

Spielstätte Großes Haus: Rathausplatz 11
Spielstätte Theaterwerkstatt: Roßmarkt 22
3100 St. Pölten

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