Kommentar von Gianna Rose: Heute stehe ich anders im Leben - und auf der Bühne

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Musikerin auf Bühne vor Mikrofon
© Severin Gomboc
Die NÖ Liedermacherin Gianna Rose sagt, wie es ist
Wie meine Konzerte werde ich auch diese Zeilen damit beginnen zu sagen: Hallo, schön, dass ihr da seid. Mein Name ist Gianna Rose und ich bin Liedermacherin aus Niederösterreich.

Ich mache Lieder – und das schon seit ich 14 bin. Heute bin ich 30 und blicke auf viele Jahre und Erfahrungen zurück, die mich schon so manches Mal beinahe gebrochen, aber dann doch entschlossener werden ließen.

Es war mir schon immer ein Anliegen, Frauen in der Musik zu fördern, sichtbar zu machen, einen Beweis dafür zu bringen, dass wir ein wichtiger und wertschätzend zu behandelnder Teil in der Musikbranche sind. Deshalb freue ich mich immer riesig, wenn ich zu frauenspezifischen Themenabenden oder Konzerten eingeladen werde.

Ich durfte 2024 im Freiraum St.Pölten als Opener beim Female Fronted Konzert auftreten. Es wurden Spenden für das Haus der Frau gesammelt. Ich fand den Abend großartig aufbereitet und ich habe es geliebt auf der Bühne zu stehen, auch wenn ich OP bedingt nicht selbst Gitarre spielen konnte. Ich hatte ein Shirt an mit Superheldinnen abgebildet waren und dem Aufdruck “femme power”. In meinem Set war der Song “Drah des liacht oh” enthalten, diesen habe ich heuer nach sehr vielen Jahren endlich released (unbedingt anhören). Es ist ein brutaler Song, der aber “leicht” klingt. Ich habe diesen allen Frauen gewidmet, die ermordet wurden. Das Thema Femizid lässt mich erstarren, ich ertrage es kaum mich damit auseinander zu setzen. Dieses Lied hat mir dabei geholfen. Ich fand es an diesem Abend passend, den Song zu spielen und das Thema offen anzusprechen.

Irritierendes Feedback

Nach meinem Auftritt habe ich mich ins Publikum gestellt, um mir die weiteren Acts anzuhören. Zwei junge Männer kamen auf mich zu, sie sagten, sie haben mir gerade zugehört und wollten mir etwas rückmelden. Da ich gelernt habe, freundlich zu lächeln und Feedback immer dankend entgegen zu nehmen (auch wenn ich nicht danach gefragt habe), habe ich mich ihnen zugewandt und zu verstehen gegeben, dass ich zuhöre. Einer der beiden sagte zu mir, dass er schon verstehe, warum ich da über Gewalt an Frauen singe, aber dass es ja nicht nur Frauen von Gewalt betroffen sind. Ich war irritiert.

Er sagt weiters, es gäbe ja auch Männer die missbraucht werden, nur spricht niemand darüber. Der zweite junge Mann hat sich eingeklinkt und gesagt, dass ich ja auch etwas darstellen will, wenn ich ein solches Shirt trage und dann so etwas singe und gegen Gewalt an Frauen aufrufe, das würde er kritisch sehen. Ich war wirklich sehr perplex, im Hinterkopf bin ich alle Möglichkeiten durchgegangen, warum sie so etwas sagen. Auf einer Veranstaltung mit dem Titel Female Fronted und Spendensammlungen für ein Frauenhaus. Ich bin von versteckter Kamera über Presse bishin zu, die wollen mich einfach provozieren auf vieles gekommen. Da ich auch gelernt habe, mit Menschen in einen höflichen Diskurs zu gehen, weil ja mein Ruf als Musikerin dranhängt, habe ich ihnen erklärt, wie ich das sehe und warum es mit Veranstaltungsbezogen wichtig ist. Total freundlich, verständnisvoll, mit Ich-Botschaften formuliert wie ich es eben gelernt hatte.

Von der Bühne in eine Zwangslage

Ich stand also da mit meinen 160 cm Körpergröße gegenüber von den Zweien, beide mindestens einen Kopf größer als ich, irgendwo im letzten Eck der Veranstaltungsstätte und musste mich für etwas rechtfertigen, was für mich für den Moment überhaupt nicht relevant war. Ich habe mich selten so klein gefühlt wie in dieser Situation. Und ich habe sehr oft das Gefühl, mich erklären zu müssen. Und nach solchen Momenten der Rechtfertigung wie in dieser, fielen mir viel später erst bessere Gegenargumente ein, bessere Erklärungen, oder einfach die Option ihnen noch einen schönen Abend zu wünschen und mich gar nicht erst darauf einzulassen.

Oder die Option, einfach zu sagen wie es ist und was ich denke. Bei letzterer Option wurde mir aber schon mehrmals im Leben erklärt, das sei frech. Apropos frech: Ich habe mir als junge Musikerin einmal getraut, Gage einzufordern, als ich erfahren habe, dass die rein männlich besetzte Band nach mir Gage bekommen wird und ich nicht..

Die Antwort darauf lautete: Ich sei frech und solle froh sein, überhaupt spielen zu dürfen.

„Zur Option, einfach zu sagen, wie es ist und was ich denke, wurde mir schon mehrmals erklärt, das sei frech.“

Liedermacherin Gianna Rose

Dinge einfordern

Frech wurde ich in meiner Biografie ab dem Zeitpunkt, als ich nicht mehr nur als die liebe 15jährige bei Ausstellungen über den Ötscher in meiner Herkunftsgemeinde gespielt hab, sondern dann begonnen habe Lieder übers Nackt sein und Scheissen zu schreiben und auch mal Dinge eingefordert habe. Dann war ich nicht mehr so lieb. Und gebucht hat mich auch niemand mehr.

Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass es ganz viele wertschätzende, erfolgreiche, wirksame Begegnungen und Zusammenarbeiten gab, die mich wachsen lassen. Die mir Mut gegeben haben und mich nicht klein fühlen haben lassen. Die Wunden von den anderen Begegnungen bleiben dennoch.

Requiem – ein Herzensprojekt

Deshalb habe ich mich mit diesem Thema 2025 in einem Herzensprojekt auseinandergesetzt, das mir Anlass gegeben hat, auf diese Jahre zurückzublicken und künstlerisch zu verarbeiten. 2024 habe ich den Song “Requiem” geschrieben, es beschreibt mein oft leidvolles, gequältes Dasein, so schirch dass es beinahe lächerlich ist. Und dass ich so vieles zu Grabe tragen möchte, das mich beschwert und fast gebrochen hätte. Worte, Blicke, Handlungen, Schmerzen, für die ich mir immer selbst die Schuld gegeben habe. Für mich hat dieser Song so eine enorme Kraft, dass ich sehr schnell die Idee oder vielmehr den Wunsch entwickelt habe, ein Musikvideo dazu zu produzieren, welches diesen Weg der Lasten, das Abwerfen dieser und das Aufstehen beschreibt. Mit großartigen Mitwirkenden wurde dies auf wundersame, grausame und doch wunderschöne Art umgesetzt.

Dann war es fertig. Perfekt.

Und ich wollte es nicht veröffentlichen.

Ich hatte plötzlich Angst davor, bloßgestellt zu werden. Was passiert wenn mich die Leute in dem hautengen Anzug sehen? Werde ich bodyshaming erleben? So bloßgestellt wie ich es schon einmal erlebt hatte. Es machte mir Angst. Zu viele solcher abartigen Kommentare habe ich gesehen – meist obwohl es nicht einmal ansatzweise um den Kontext Körper geht – genau dann schlagen sie zu. Ich habe mich vor dem Dreh bereits bewusst für dieses Outfit entschieden. Es war zudem eine Bildsprache für die Verletzlichkeit, das Ausgeliefert sein – grandiose Gedanken. Bereits beim Dreh habe ich mich zusätzlich zur Dramatik der Handlungen in den Szenen “nackt” gefühlt. Ich bin es doch eher gewohnt, mich um karschierende Kleidung zu bemühen. Von daher ergab doch alles Sinn.Aber dass ich ein so tolles Meisterwerk nicht veröffentlichen wollte, weil ich Angst vor Kommentaren und Reduktion auf meinen Körper habe, fand ich schlimmer als mich selbst in dem Outfit.

Ich habe es übrigens veröffentlicht. Und hey, ich schau gut aus!

Und um nochmals auf meinen “da-wurde-ich-frech” Wendepunkt zurückzukommen – in dem Musikvideo haben wir ein “Loatawagal” (Leiterwagen) zerlegt. Einen Song mit diesem Titel habe ich nämlich damals mit 15 geschrieben und gespielt. Alle mochten es – lustig, kommerziell, lieblich war es. Heute hasse ich es. Und ich habe es geliebt als wir im Video mit jedem Holzstück eins der früheren Erlebnisse “verarbeitet” haben. Die Einzelteile wurdendann übrigens meine Flügel, meine Rüstung.

Requiem – Gianna Rose Projekt

An dieser Stelle möchte ich Grüße ausrichten …

… an alle die mir sagten, ich sei frech, hysterisch, dick, zum schämen, zum grausen, ausgeleiert, hässlich,…. Und an die, die mir sagten ich würde Männer diskriminieren weil ich nicht erwähnt habe, dass auch Männer von Gewalt betroffen sein können. Und an die, die mir nicht zutrauten, dass ich hinter dem Mischpult oder auf der Baustelle gute Arbeit leisten kann und mir ungefragt im Vorhinein schon die Welt erklären. Und an alle, die mir auf Instagram entfolgt sind, weil ich meine Gedanken zum feministischen Kampftag geteilt habe. Es waren nicht alle Männer in meinem Leben, die so etwas zu mir gesagt haben. Aber es war immer ein Mann. Liebe Grüße an euch und ich wünsche euch einen schönen Tag.

Eine wertschätzende Basis für Musikerinnen mitformen

Wie ihr vielleicht merkt, stehe ich heute ganz anders im Leben – und auf der Bühne. Weil ich mich entschieden habe, dass ich lieber frech als leise bin. Dass ich laut werde, wenn es unfair wird. Das ich ihnen zeige was ich kann, bevor sie mir es erklären wollen. Und wenn mich jemand deshalb nicht bucht, bin ich mir sicher, es wäre sowieso nicht der richtige Ort für mich gewesen. Und wenn mir jemand wegen dem Teilen meiner Gedanken zu realen Ängsten, die man als Frau tagtäglich erlebt, entfolgt, brauche ich diese Follower nicht auf meiner Seite.

Und wenn ich die Musikbranche nur ein bisschen mitformen kann, auch wenn ich auf etwas verzichte, so möchte ich zumindest für nachkommende Musikerinnen eine wertschätzende Base mitgestalten. Denn in der Veranstaltungsbranche höre ich immer wieder, dass man ja eh Frauen buchen wolle aber es gibt ja keine. Oder sie spielen nicht gratis. Für zweiteres Argument benötigen wir einen separaten Text. Aber: Es ist einfach Bullshit. Es stimmt nicht. Und wer mir das nicht glaubt schaue sich exemplarisch meine eigenen Veranstaltungen an.

Bei den “Söwagmocht Open Airs” welche ich seit letztem Jahr veranstalte, habe ich auf weibliche Hauptacts bestanden. Und ja, sie waren da, sie haben gespielt und ja sie haben Gage erhalten! Ich möchte das sichtbar machen und es gelingt mir, so wie es vielen anderen gelingen könnte wenn sie denn wirklich wollten.

Dieses Jahr war beim Open Air der Frauenanteil höher als der männliche. Und ich bin mächtig stolz darauf.

Ich bin überhaupt stolz auf den Weg, den ich bisher gegangen bin und dass ich nie leiser sondern immer lauter und überzeugter wurde. Und natürlich frecher. Alleine, in diesem Fall als Solomusikerin, solch einen Weg zu gehen ist sehr hart. Denn ich mache nicht nur etwas sondern muss es im selben Moment auch noch alleine schützen.Mich und das, was ich tue. Es kann anstrengend sein. Mittlerweile habe ich aber so manchen geschützten Rahmen gefunden, in denen ich mich bewegen kann und die Sicherheit habe, unterstützt zu werden, sollte mir mal das Rückgrat fehlen. Social Media gehört übrigens nicht dazu.

Was noch so auf mich zukommt, werde ich wenig beeinflussen können. Aber ich übe mich in Schlagfertigkeit und einem wohlwollenden Lächeln mit den Worten “Ich wünsche dir noch einen schönen Abend”. Bei zweiterem habe ich übrigens vor kurzem die Antwort bekommen: “Spar dir deinen dämlichen Sarkasmus”.

Ich bedanke mich für´s Lesen und wünsche euch noch einen schönen Tag,

Gianna Rose

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Anm. der Redaktion: DANKE von Herzen an Gianna für dieses wertvolle Wölfinnen-Futter. Wir folgen ihr auf Instagram und lauschen ihr auf Spotify.

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