Meine ersten Erfahrungen in der Berufswelt waren in der Gastronomie. Sommerzeit war Praktikumszeit. Am Weg zur Matura war das Ziel, aus meiner Komfortzone herauszukommen und, klar: Geld zu verdienen. Als ich 16 Jahre alt war und als Servicekraft geschlagene 10 Stunden pro Tag von Tisch zu Tisch gerast bin, war schnell klar, dass ich neben dem sympathischen „Schnipsen“ hauptsächlich auf einen Namen hören musste: Fräulein.
Speziell von größeren Männerrunden kam das langgezogene, geschrieene Wort sehr gerne. Das schien für mich damals absolut normal. Heute frage ich mich, wieso eigentlich im Restaurant noch nie das „Männlein“ gerufen wurde.
Zehn Jahre später wird aus dem Kellnertablett eine Tastatur und ich finde mich im Büro wieder. Ausgebildet zum Master of Business arbeite ich mit Projektleitern, Abteilungsleitern und Geschäftsführern*. Weil zu meinen Aufgaben unter anderem die digitale Gestaltung dazugehört, werde ich prompt zur Tante nominiert.
Ab sofort hieß ich dann salopp nur noch „die Grafiktante“. Das hat mir schon damals sofort ein komisches Gefühl gegeben. Aber warum eigentlich?
Rund um mich sind so viele gut ausgebildete, intelligente und ambitionierte Frauen, die plötzlich alle irgendeine Art von Tante sind. Die Kindergartentante, die Nageltante, die Grafiktante. Und wenn es nicht die Tante ist, wird man schnell mal zum „Mädchen für alles“.
Natürlich ist nicht jede dieser Bezeichnungen böse gemeint. Manche sind liebevoll, manche einfach umgangssprachlich. Aber trotzdem frage ich mich, warum wir Frauen so oft verniedlichen, wenn wir über ihre Arbeit sprechen.
Diese Verniedlichungen geben mir das Gefühl, dass Frauen ihre Arbeit zwar professionell, aber gleichzeitig freundlich, unkompliziert, fürsorglich und am besten wahrscheinlich auch noch günstig erledigen sollen. Und vielleicht ist genau das der Punkt, der mich daran stört. Ich bin keine Grafiktante. Die Frau im Kindergarten ist nicht einfach eine Kindergartentante, sondern eine Pädagogin. Und die Frau hinter der Schank ist nicht automatisch das Fräulein, das auf Zuruf schnell einen Tisch bedienen soll.
Sprache ist wichtig. Worte formen unser Verständnis davon, wie wir Menschen und ihre Arbeit wahrnehmen. Vielleicht lohnt es sich deshalb, bei den kleinen Begriffen manchmal genauer hinzuhören.
*Leider absichtlich nicht gegendert.
Danke fürs Weitersagen!